Herr Quackler - Kapitel 3 (1. Fassung)

Es geht voran! Auch das dritte Kapitel steht nun in seiner Rohfassung zum Lesen bereit. Werft einen Blick darauf und sagt mir, was ihr denkt! Kritik - sowohl positiv als auch negativ - ist immer gern gesehen. Viel Spaß beim Lesen!


Sein Heim war verwüstet. Der Sturm hatte das Dach seiner Hütte hinweggefegt und die stützenden Wände waren buchstäblich gebrochen wie Zweige im Wind. Mit dem Gesicht in seinen kleinen Händen vergraben saß Herr Quackler auf der Türschwelle, den Hut schief auf seinem kahlen Kopf. Er fühlte sich traurig, verzweifelt und ausgelaugt. Nicht nur, dass ihm der Sturm alles genommen hatte; nein, auch die Geschehnisse des vergangenen Tages nagten an seiner Seele. Warum war er so ein Feigling? So ein elender, dummer Feigling? Er sorgte sich um seinen Freund. Wie mochte es Borro ergangen sein? Herr Quackler wollte es sich gar nicht ausmalen. Hoffentlich ging es ihm gut. Aber was, wenn sie sich wiedersahen? Herr Buddler würde ihm nie verzeihen, dass er ihn im Stich gelassen hatte. Doch was hätte er auch machen sollen? Sich selbst dem sicheren Tod aussetzen? Riskieren, aufgeschlitzt und bei lebendigem Leibe verschlungen zu werden? Nein. Er hatte Angst gehabt und das war gut so. Wegzulaufen war das einzig vernünftige gewesen! Borro hätte sicher genauso gehandelt… Nein… Buddler war mutig und wäre nie davongerannt, wenn sein Freund noch in Gefahr gewesen wäre. Im Stich gelassen hatte er ihn, dem Tode persönlich zum Fraße vorgeworfen. Ein Feigling war er, ein elender, dummer, dummer Feigling und sein Freund würde ihm nie verzeihen. Er selbst könnte sich nie verzeihen.

Der Teekessel über dem Feuer pfiff. Herr Quackler watschelte betröpfelt in das, was einmal seine Wohnstube gewesen war und brühte sich einen Tee auf, als es plötzlich im Schilf raschelte.


Quacklers Herz machte einen Hüpfer, als Wanda und Buddler auf den Rand des Tümpels heraustraten. Besonders Wanda schien sehr aufgewühlt und hektisch. Buddler unterhielt sich kurz mit ihr, bevor sie allein auf Quackler zukam. Borro blieb am Rand des Schilfes und warf dem Quackler nur einen flüchtigen Blick zu. Dieser konnte die Enttäuschung in den Augen seines Freundes spüren und senkte geknickt den Kopf.

„Herr Quackler! Herr Quackler! Es ist etwas Schreckliches passiert, schlu-hu!“, rief Wanda hysterisch, als sie auf ihn zu flatterte. „Der STURM! Und dann im Wald… Schlu-hu! Donner! Und Getöse! Und die PRINZESSIN! Und als ich wieder zu mir kam… Schlu-hu! Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll…!“

„Wanda… Wanda! Beruhige dich doch erst einmal. Komm rein – oder besser: Komm mit. – Ich mach’ dir einen Tee. Was ist mit Buddler?“

„Ach lass ihn, er ist etwas verletzt.“, antwortete sie schwermütig, als der Quackler ihr eine Tasse Tee gab. Er bot ihr einen Hocker an und sie setzten sich. Als Herr Quackler an seinem Tee nippte, begann sie zu erzählen:

„Gestern nach unserer Begegnung, da sind Prinzessin Lyra und ich … Schlu-hu!“ Sie schnaufte und wischte sich eine Träne von der Wange. „… Da sind wir in den Wald geflogen und das Unwetter, schlu-hu, es war so schlimm – Bäume, alte Bäume, sind umgeknickt wie dünne Äste und Holz und Blätter wirbelten durch die Luft – so ein GETÖSE, schlu-hu! Also mussten wir landen und zu Fuß weitergehen. Doch plötzlich, schlu-hu, war da etwas! Etwas Großes, schlu-hu! Und ich wurde ohnmächtig! Und die PRINZESSIN! Schlu-hu!“ Wanda war aufgelöst. „Sie ist verschwunden! Sie wurde ENTFÜHRT, schlu-hu!“

Herr Quackler spuckte seinen Tee aus. „WAS? Wie konnte den das pass…“

„Ich weiß es nicht, schlu-hu!“ Wanda schluchzte und vergrub ihr rundes Gesicht in ihren flauschigen Schlappohren.

„Na, na … Das ist doch nicht deine Schuld.“, versuchte er sie zu trösten. Er nahm sie in den Arm und tätschelte ihren Kopf. Mit den Ohren rieb sie sich die roten Augen und sagte dann, etwas zur Ruhe gekommen: „Ich habe nichts gesehen, als es geschah, schlu-hu. Aber ich bin mir so sicher, dass Schlitzer dahintersteckt!“

Bei diesem Namen lief es Herrn Quackler eiskalt den Rücken herunter.

„Du weißt, wie versessen er auf die Prinzessin gewesen ist!“, fuhr sie fort, „Das habe ich auch dem König erzählt, schlu-hu. Der hat nun eine Truppe seiner Krieger Richtung Finsterforst geschickt, um dem Drachen den Garaus zu machen und die Prinzessin zu retten. Oh, hoffentlich ist es noch nicht zu spät, schlu-hu!“

„Nein, Wanda. Mach dir keine Sorgen! Prinzessin Lyra ist wohlauf!“ Der Quackler selbst war sich dabei nicht so sicher und schenkte seinen eigenen Worten nur wenig Glauben. Obwohl mit den Birdenkriegern nicht zu spaßen war. In ihrer Gesamtheit waren sie eine riesige Armee fliegender Krieger, die wie ein todbringender Pfeilregen auf ihre Feinde niederprasselte.

„Und nun komm, Quackler. Wir gehen hinauf ins Schloss, schlu-hu. Zu Fuß mag der Weg in die Tiefen des Finsterforstes mehr als einen halben Tag dauern, aber ehe wir beim Birdenkönig angekommen sind, sollten seine Truppen zurück sein, schlu-hu. Wir sollten uns beeilen!“

„Ich komme, ich komme! Warte mal …“, hielt er Wanda an, zog sie zu sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Was mache ich denn jetzt mit Buddler? Ich kann ihm nicht unter die Augen treten … Ich war gestern so ein Feigling und habe ihn im Stich gelassen …“

Sie legte dem Quackler einen Flügel auf die Schulter. „Ja, ein Feigling warst du, schlu-hu. Borro hat es mir erzählt. Dass du ihn allein gelassen hast, hat ihn verletzt. Aber du wirst doch wohl nicht so ein Feigling sein, dass du dich nicht bei ihm entschuldigst?“


Die Schlapp-Eule hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Das traute er sich wirklich nicht zu. Was würde Borro sagen? Er würde seinen Freund verlieren, denn das würde der Buddler ihm sicher nicht verzeihen. Er hatte Angst, ihm gegenüberzutreten. Doch Wanda hatte Recht! Das musste er tun, egal, was passieren könnte. Also fasste er sich ein Herz und nickte ihr zu. Zusammen verließen sie die Ruine seines Heimes und gingen zu Herrn Buddler, der den Quackler mit zusammengepressten Lippen anguckte. Dieser erwiderte den Blick mit schuldbewusster Miene. Dann senkte er den Kopf und begann, zu weinen.

„Es tut mir so leid!!“, quakte er. „So unendlich leid!“ Er fiel Borro um den Hals. „Ich war so ein Feigling! Ein elender, dummer Feigling! Du hättest mich nie so im Stich gelassen wie ich es getan habe!“ Wie ein Wasserfall heulte er in des Buddlers Schulter.

„Na, na, ist doch schon gut.“ Borro klopfte ihm sanft auf den Rücken. „Aber nein, hätte ich wirklich nicht.“ Er schlug dem Quackler sanft auf die Wange und lächelte ihn an. „Nun komm, wir müssen zum Schloss.“ Herr Quackler zog den Schnodder in seiner Nase hoch und wischte sich mit dem Arm das Gesicht trocken.

„Gut.“, sagte er. „… Danke, mein Freund.“ Herr Buddler schloss die Augen und nickte ihm zu.


Gemeinsam ließen sie nun den Tümpel hinter sich und folgten dem Weg bis zum Waldrand. Überall lagen abgebrochene Äste herum, an manchen Stellen war der Weg aufgeweicht und der Himmel war noch immer trüb und traurig - doch totenstill.

Herr Quackler zögerte. Er fürchtete schließlich den Wald. Nein, das durfte er sich nun nicht erlauben. Er wollte kein Feigling mehr sein. Jedenfalls kein so großer mehr! Also ging er mutig mit den anderen hinein. Vor ihnen lag nun der Federweg, eine große Straße, die breit und anmutig von der Lichtung geradewegs in den Wald hinein bis zu den Baumschlössern der Birden führte. Auch hier hatte der Sturm seine Spuren hinterlassen: der Boden war matschig und hier und da erschwerte ein umgestürzter Baum das Vorwärtskommen. Herr Quackler, dem von all diesem schnellen Gelaufe bereits die Füße wehtaten, bemerkte, dass in regelmäßigen Abständen geflügelte Wachtposten auf den umliegenden Ästen aufgestellt worden waren, von denen die Drei misstrauisch beäugt wurden. Die Kronen der Bäume, die zur Rechten und Linken des Federweges standen, hatten sich durch das Unwetter etwas gelichtet, sodass – trotz der Wolken – ein wenig mehr Licht durch ihr Geäst fand. Das kam dem Quackler durchaus zugute, denn nun erschien ihm die Hetzerei wenigstens weniger unheimlich, als er erwartet hatte. Dennoch hoffte er, dass Buddler und Wanda nicht bemerkten, dass er trotz allem den Rand des Weges mied – man konnte ja nie wissen, welches Grauen plötzlich aus dem Zwielicht hervorspringen mochte!

Nach einem anstrengenden und zehrenden Fußmarsch erhoben sich vor ihnen zwei massige Bäume, deren Kronen einander derart zugewandt waren, dass sie, von unzähligen Blüten tragenden Dornenranken umschlungen, ein riesiges und trotz der teilweisen Zerstörung wunderschönes Tor bildeten. Herr Quackler stützte sich schwer atmend auf seine Knie. Er blickte zurück, um zu sehen, wie weit sie gelaufen waren, doch konnte er den Waldrand nicht mehr ausmachen.


„Wir sind da, schlu-hu!“, sagte Wanda, auch sie sichtlich außer Atem. „Kommt mit, schlu-hu!“

In diesem Moment rauschten von den Ästen zwei Birdenkrieger in elegantem Flug herab und stellten sich zwischen Wanda, Quackler – der heftig zusammenzuckte, Buddler und das riesenhafte Tor. Sie trugen fein gearbeitete Rüstungen aus den polierten Schalen verschiedener Samen und Nüsse sowie Teilen blau und grün glänzender Käferpanzer. Mit gekreuzten Speeren versperrten sie den Weg.

„Auf Geheiß des Königs ist es niemandem gestattet, das Tor zu passieren!“, rief der Fülligere der beiden Wachposten aus, die Augen starr nach vorn gerichtet.

Wanda verdrehte die Augen. „Mach keine Faxen, Cezin! Es ist noch nicht allzu lange her, da musste ich dir helfen, die Daunen an deinem dicken Bauch zu putzen!“

„…“, Cezin schaute verdattert drein und wusste nicht recht, was er sagen sollte. Da hatte ihn Wanda aber auch schon zur Seite geschoben und zusammen mit ihren zwei Begleitern an ihm vorbei gestürmt.

„Äh… Ihr dürft passieren.“, fügte er nuschelnd hinzu. Die Amme war jedoch schon außer Hörweite und stand mit Herrn Quackler und dem Buddler inmitten des weitläufigen Hofes der Schlossstadt des Birdenreiches. Der Weg führte sie zunächst zu einem Platz, der offenbar der Marktplatz zu sein schien. Links und rechts gingen einige Wege von ihm ab und auf dem Platz selbst fanden sich einige Stände und ein kleiner Brunnen in der Mitte. Doch heute war es seltsam still – auch hier hatte der Sturm seine Spuren hinterlassen. Keine Händler tummelten sich hier wie an anderen Tagen (so hatte Herr Quackler es jedenfalls gehört), nur zwischen den Häusern spielten ein paar Birdenkinder. Vom Marktplatz aus betraten sie über eine kleine Brücke den Königsplatz, der noch größer als der Marktplatz war und in dessen Mitte sich der Federquell befand. Dieser war ein Brunnen, der seinen Namen von einer großen steinernen Feder hatte, die sich in der Mitte in den Himmel reckte und fröhlich Wasser in die Luft spritzte. Der Rest des Brunnens erinnerte an eine große, flache Schale, in der sich das Wasser sammelte. Als Herr Quackler zum nördlichsten Ende des Platzes blickte, kam er aus dem Staunen kaum noch heraus. Dort Platzes ragten drei gigantische Ahornbäume in die Höhe und mit den Bäumen scheinbar zu einem wunderschönen Etwas verwoben erhob sich das Schloss mit grazilen Türmen aus weiß glänzendem Holz. Es erstreckte sich über die Kronen jener Bäume und seine Teile waren durch verschlungene offene und gedeckte Brücken verbunden. Alles war mit Efeu und Rosen überwachsen und hie und da trugen die Zweige wunderschön verzierte Terrassen und Balkone. Doch heute waren diese, sowie der Königsplatz mit misstrauisch dreinblickenden Wachtposten bestellt. Außer ihnen war fast niemand in der Nähe des Schlosses unterwegs.


„So trostlos und bedrohlich habe ich das Schloss wirklich noch nie gesehen, schlu-hu.“, bemerkte Wanda. „Oder ihr etwa?“

„Nein, wirklich nicht.“, pflichtete Buddler ihr bei.

„Um ehrlich zu sein,“, sagte Herr Quackler da verlegen, „bin ich hier noch nie gewesen.“

„Was?! Schlu-hu?!“ Wanda war entsetzt. „Du bist noch nie in der Birdenstadt, schlu-hu, geschweige denn im Schloss gewesen?!“

„Nein, noch nie. Die Stadt war mir dann doch etwas zu tief im Wald und ich …“

„Das ist ja wohl nicht dein Ernst! Schlu-hu! Wie kann jemand eigentlich solch ein Angsthase sein?“

„Ich …“

„Das ist ja grauenvoll, schlu, dass du die Stadt das erste Mal in diesem grauenhaft trostlosen Zustand siehst, schlu-hu!“

„Ich finde es eigentlich trotzdem sehr schön …“, sagte Herr Quackler kleinlaut.

„Wie dem auch sei, schlu-hu, nichts wie in den Thronsaal, ihr beiden!“

Am mittleren Ahornbaume führte ein hölzerner Weg nach oben, der sich wie eine Wendeltreppe um den Stamm wandte. Am unteren Ende versperrten zwei Soldaten den Weg. Bevor die Drei diese erreichten, flüsterte Wanda dem Quackler und dem Buddler zu: „Bei diesen beiden hier werden wir etwas mehr Acht geben müssen als bei denen am Stadttor. Lasst mich reden und verhaltet euch ruhig und höflich.“

„HALT!“, brüllte einer der Soldaten, während er mit dem anderen seinen Speer kreuzte. „Auf Befehl des Königs ist es niemandem gestattet, das Schloss zu betreten.

Wanda begann zu sprechen: „Wir sind hier, um …“

„Ohne Ausnahme!“, unterbrach er sie.

„Ich bin die Amme der Prinzessin, schlu-hu, und wir sind hier, um bei der Suche zu helfen!“

Der Soldat ließ sich nicht beirren. „Ich versichere euch, dass die Suche nach Prinzessin Lyra in vollem Gange ist und sich nur die besten unserer Birdenkrieger damit befassen. Macht euch keine Sorgen, Amme. Doch leider kann ich euch nicht gestatten …“

„Na hör mal, schluh!“ Ihr Ton wurde nun etwas ernster. „Ich verlange sofort Einlass für mich und diese Herren hier, sonst werde ich dem König persönlich von der Unfähigkeit seiner Untergebenen berichten, Schlu-hu!“

Der Soldat war verdutzt und starrte Wanda mit finsterer Miene an. Diese war sich nicht sicher, ob sie nicht zu weit gegangen war. Doch ihr Gegenüber nickte seinem Partner nach kurzem Verharren zu, woraufhin dieser seinen Kopf nach oben drehte und einen langen Zwitscherton ausstieß. Nicht lange, da rief von einem der Balkone über ihnen ein weiterer Soldat herunter: „Lasst sie passieren!“

„Danke, schlu-hu. Geht doch.“, zischte Wanda vergnügt, als die Birdenkrieger den Weg freigaben.


Je höher sie kamen, desto besser konnte Herr Quackler die Stadt der Birden überblicken und sehen, welche Schäden der Sturm auch hier angerichtet hatte: Einige der filigranen Häuser, die nicht im Schutz der Bäume lagen, waren – man könnte beinahe sagen – zerrissen worden oder durch herumgewirbelte Äste zumindest teilweise zerstört. Dennoch übte der Anblick auf Herrn Quackler eine gewisse Faszination aus. Auch, wenn hier zurzeit ganz und gar kein Trubel herrschte, erinnerte ihn diese Stadt, diese enge Art des Beieinanderlebens doch an eine Zeit in seinem Leben, zu der er noch nicht allein, noch nicht auf dieser Lichtung, ja noch nicht einmal in der Nähe dieses Waldes gelebt hatte. Mit Quacklern, so vielen an der Zahl, wie es hier die flinken Birden gab.

Herr Buddler versuchte beim gesamten Aufstieg, nicht nach unten zu schauen und so weit wie möglich vom Geländer fernzubleiben, war ihm solche Höhe doch wahrlich nicht geheuer.

Nachdem sie dem Weg rund um den Stamm herum bis ganz nach oben gegangen waren, standen Wanda und ihre Begleiter nun auf einer großen Terrasse, von der ein Tor aus goldbemaltem Weidengeflecht in den Thronsaal des Schlosses führte. Der Saal war gigantisch und in des Herrn Quacklers Augen von so unfassbarer Schönheit, dass es ihm erneut den Atem verschlug.

Die Wände aus weißem Holz und geflochtenen Weidenornamenten liefen nach oben hin zu einer hohen Kuppel zusammen, die zu jeder der vier Himmelsrichtungen eine Öffnung besaß, zu der ohne Probleme ein halbes Dutzend Birden gleichzeitig herein- oder hinausfliegen konnten. Der Boden war glattpoliert und mit aufwändigen Schnitzereien verziert, die von den Heldentaten vergangener Könige erzählten. Zum Rand des Raumes hin hob sich der Boden durch drei Stufen an, sodass ein Rundgang um die Mitte des Thronsaales entstand. Von diesem ragten runde, mit Efeu bewachsene und mit güldenen Ahornblättern behängte Säulen in die Höhe und führten den Blick aufmerksamer Beobachter zu den schmalen, hohen Fenstern, die in so hoher Kunst aus schillernden Libellenflügeln gefertigt waren, dass das Licht, welches durch sie hindurchfiel, in allen Farben leuchtete. Am nördlichen Ende des Saales führten die drei Stufen auf ein großzügiges Podest, in dessen Mitte sich der Birdenthron befand, ein wahrlich anmutiger Stuhl, verziert mit großen geschnitzten Federn.

Der Thronsaal war, im Gegensatz zum Rest der Stadt, vollends überfüllt. Überall rannten Birden herum, riefen sich Dinge zu, hektisch und aufgeregt.

Plötzlich brachen durch die östliche Öffnung der Kuppel ungefähr dreißig Birdenkrieger herein, flogen eine Spirale abwärts durch die Luft des Saales und landeten schließlich auf dem Podest des Königs.


„Lasst uns schnell nach vorne gehen, schlu-hu.“, schlug Wanda den anderen beiden vor und winkte sie hinter sich her. Sie drängten sich durch die Menge und gelangten schließlich bis ganz nach vorne, wo sie die Stufen hinauf direkt zum königlichen Thron vorstießen. Dort erblickten sie König Aquilon II in seiner ganzen Pracht (Und diese Pracht war beträchtlich! In seinen besten Jahren war Aquilon ein gefürchteter Krieger gewesen und man erzählte sich, wenn er mit den Flügeln schlug, zerfetzte es seine Feinde durch den bloßen Luftstoß wie mit stählernen Klingen. Doch heute beschränkte sich seine Pracht eher auf den Umfang seines Bauches.). Er trug einen Mantel aus feinen Daunen, die in Blau, Purpur und Gold glänzten. Auf dem Kopf trug er eine Krone, die kunstvoll aus goldenen Hirschkäferbeißern und kleinen Käferpanzern, die wie Rubine schimmerten, gefertigt worden war. Auch, wenn er mittlerweile etwas in die Breite gegangen war, hatte er doch nichts von seiner einstigen Stattlichkeit verloren. Sein Blick war kühn und gutmütig. Er erhob sich gerade von seinem Thron, um die Krieger zu empfangen, als er in der Menge die Amme seiner Tochter erspähte und sie zu sich rief: „Wanda! Sie sind zurück! Komm her und wir hören, was sie zu berichten haben!“

„Eure Majestääät, schlu-hu!“ Wanda rannte auf Aquilon zu. Quackler und Buddler folgten ihr. Der König schaute sie fragend an.

„Wer sind deine Freunde, liebste Wanda?“

„Schlu-hu! Das ist Herr Borro Buddler, Eure Majestät und das, schlu-hu, ist Herr Quackler. Die Prinzessin und ich, wir trafen sie gestern, bevor … schlu-huuuuuuuu!!!“, brach sie in Schluchzen aus.

„Na, na!“, tröstete sie der König und klopfte ihr sanft auf die Schulter, „Du musst dir keine Vorwürfe machen! Und nun zu deinen Freunden: Herr Buddler, Herr Quackler; es ist mir eine Freude eure Bekanntschaft zu machen!“

Die zwei Gefährten verneigten sich tief: „Eure Majestät. Die Freude ist ganz auf unserer Seite.“

Da trat aus den Birdenkriegern, die soeben gelandet waren Kommandant Gavis hervor:

„Eure Majestät, unsere Trupps sind soeben aus dem Finsterforst zurückgekehrt. Wir haben versucht, uns Zutritt zur Höhle des Drachen …“

„Bei meiner Wampe! Hört endlich auf ihn so zu nennen, diesen Schurken!“, fiel ihm der König ins Wort.

„Jawohl, Majestät! Verzeihung, Majestät! Wir haben versucht, uns Zutritt zu Schlitzers Höhle zu verschaffen, doch war uns das aufgrund heftigster Gegenwehr des Dra… Schlitzers letztendlich nicht möglich. Er war sehr wütend und behauptete, die Prinzessin sei nicht dort.“

Da meldete sich ein junger, stattlicher Birde zu Wort, der neben dem König stand: „Wie kann das sein, Gavis? Ihr seid unser erfahrenster Krieger und selbst Eure besten Männer konnten es nicht mit diesem Biest aufnehmen?“

„Nein, mein Prinz, ich bedaure es sehr. Viele meiner Männer wurden verletzt, einige schwer. Schlitzer war uns einfach überlegen.“

„Ich hätte euch begleiten sollen, dann wäre Lyra jetzt wieder wohlbehalten im Schloss!“

„Eziel! Bitte!“, fuhr der König den Kronprinzen an und wandte sich an Gavis: „Kommandant, Ihr habt getan, was ihr konntet. Dafür bin ich Euch sehr dankbar. Nun lasst Eure Männer versorgen, wir finden eine andere Lösung.“

„Danke, Eure Majestät!“ Gavis verneigte sich und zog sich mit den restlichen Kriegern zurück.

Der König wandte sich nun wieder an seinen Sohn: „Eziel, ich will dir in diesem Moment wirklich keine Predigt halten, aber ich bitte dich, Gavis mit etwas mehr Respekt zu behandeln! Du weißt, wie viel er schon für unsere Familie getan hat.“

„Das weiß ich Vater. Es tut mir leid.“

„Schon gut, mein Sohn. Wir alle machen uns Sorgen um deine Schwester, doch alle hier, besonders Gavis und seine Männer, geben ihr Bestes.“

„Ich weiß, Vater.“

„Nun gut.“ König Aquilon kam ins Grübeln. „Da diese Aktion nun erfolglos war, weiß ich nicht, wie wir nun weiter verfahren sollen. Eziel, was meinst du?“

„Die Truppenstärke erhöhen! Schlitzers Höhle überrennen und Lyra befreien!“, schlug der Prinz vor.

„Und damit noch mehr unserer Männer in Gefahr bringen, Eziel? Das kann ich nicht verantworten.“

„Es geht hier um Lyra, Vater! Deine Tochter!“

„Da hast du Recht …“, gestand der König ein.


„Eure Majestät?“ Plötzlich meldete sich Herr Buddler zu Wort. Erstaunt blickten Wanda und Herr Quackler ihn an. „Wer ist das?“, fragte Eziel.

König Aquilon antwortete: „Das ist Herr Buddler, er hat Wanda heute ins Schloss begleitet. Sprecht nur, werter Herr!“, richtete er sich nun an Borro.

„Bei allem Respekt, Eure Majestät, ich denke nicht, dass der Vorschlag des Kronprinzen die beste Lösung ist. Ich glaube, der erste Angriff auf seine Wohnstätte hat ihn sehr gegen die Birden aufgebracht. Ein zweiter Angriff könnte ihn dazu provozieren, der Prinzessin ein Leid anzutun.“

„Ein Leid anzutun?!“, brach Eziel heraus, „Er hat sie entführt! Sie könnte tot sein!“

Buddler beruhigte ihn: „Ja, das hat er vielleicht. Aber ich glaube nicht, dass er ihr etwas angetan hat. Ich denke, er ist sogar sehr angetan von der Prinzessin. Und dann müssen wir noch das hier bedenken: Vielleicht war es nicht Schlitzer, der für ihr Verschwinden verantwortlich ist.“

„Was?!“ Alle, außer dem König, starrten ihn entsetzt an. „Lasst ihn fortfahren!“, gebot ihnen Aquilon.

„Ich weiß nicht, wer es sonst gewesen sein könnte, Eure Majestät, aber ich schlage Folgendes vor: Keine Truppen. Nur eine Hand voll Leute sollte Schlitzer aufsuchen und versuchen, mit ihm zu reden. Unbewaffnet. Alles andere könnte ihn gegen das Birdenreich aufbringen und zu einem Angriff bewegen.“

Herr Quackler sah seinen Freund mit Erstaunen an. Herr Buddler war mutig und weitsichtig, alles, was er selbst nicht war.

„Das ist doch absurd!“, schimpfte der Prinz.

„Nein, Eziel!“, entgegnete der König barsch. „Herr Buddler, Ihr habt weise gesprochen und ihr habt Wahres gesprochen! Ein weiterer Angriff brächte nichts als Unheil über uns. Manchmal scheint es den Eindruck zu erwecken, Schlitzer sei nur ein wildes Tier, doch wir dürfen nicht vergessen, dass er das mächtigste Wesen im dunklen Teil des Waldes ist. Nicht umsonst – und dabei widerspreche ich mir selbst, denn ich kann diesen Namen nicht leiden – nennt man ihn den Roten Drachen vom Finsterforst. Euer Plan ist der beste, den wir haben. Deshalb werden wir ihn durchführen.“

„Gut.“, sagte Eziel, „Dann werde ich gehen!“

Der König überlegte. „Nein, ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist. Ich kann nicht riskieren, dich auch noch zu verlieren.“

„Aber Vater!“

Da sprach Borro: „Ich hätte vorgeschlagen, dass ich und meine Freunde – sofern sie damit einverstanden sind – diese Aufgabe übernehmen.“ Er schaute fragend zu Wanda.

„Ja, natürlich, schlu-hu! Selbstverständlich!“, rief sie heraus.

Herr Quackler hingegen traute seinen Ohren nicht. Hatte Herr Buddler das gerade tatsächlich vorgeschlagen? War er verrückt geworden? Oder Lebensmüde? Entsetzt schaute er seinen Freund und flüsterte: „Ist das dein Ernst?! Wir sollen zu Schlitzers Höhle gehen? In den Finsterforst? Bist du von Sinnen?“

Der Buddler hatte für des Quacklers Reaktion nur wenig Verständnis. „Ich frage DICH, bist DU von Sinnen? Du weißt, um wen es hier geht, oder? Bist du wirklich so ein großer Feigling?“

Das hatte den Quackler tief getroffen. Da war er wieder. Herr Quackler, der Feigling. Hatte er wirklich schon wieder alle guten Vorsätze über Bord geworfen? Hatte er nichts gelernt, als er seinen besten Freund im Stich gelassen hatte? Ja, er hatte Angst. Unheimliche Angst sogar, aber sich jetzt aus dem Staube zu machen, konnte er sich wirklich nicht leisten. Nein. Er würde gehen. Zusammen mit Wanda und Herrn Buddler. Wenigstens war er nicht allein.

„Nein, bin ich nicht! Wir gehen! Und wir retten sie!“

Das überraschte selbst Borro: „Das aus deinem Mund? Ich bin begeistert.“

König Aquilon schaute die Drei kurz überlegend an und verkündete dann: „So sei es! Ihr drei …“

Eziel unterbrach ihn: „Vater! Ich bestehe darauf, sie zu begleiten. Meine Schwester ist verschwunden und als ihr Bruder und zukünftiger König ist es meine Pflicht, sie zu retten. Willst du wirklich, dass ich tatenlos im Schloss verharre und nichts tu?“

„Nein, Eziel. Du hast Recht. Wenn es dein Wunsch ist, begleite sie. Ich werde es dir nicht verbieten.“

„Danke, Vater.“

„Nun gut.“, begann der König von neuem, „Ihr vier werdet Euch in den Finsterforst begeben und Schlitzer aufsuchen. Ihr werdet versuchen, mit ihm zu sprechen und gegebenenfalls die Freilassung Prinzessin Lyras verhandeln. Ihr werdet für die Reise ausreichend bewaffnet, auch ohne den Drachen ist der dunkle Teil des Waldes ein gefährlicher Ort. Erst zu den Verhandlungen mit Schlitzer werdet Ihr unbewaffnet erscheinen – auch du, Eziel. Natürlich wird Euch in sicherer Entfernung ein Trupp meiner Soldaten folgen, um euch im Notfall in Sicherheit zu bringen und mir nach erfolgter Mission rasch Bericht zu erstatten. Ich danke Euch für Euren Mut!“

Bei diesen Worten schielte Herr Quackler unauffällig zu Herrn Buddler, doch ließ seinen Blick wieder blitzschnell starr nach vorn schnellen, als er bemerkte, dass dieser vom Buddler nicht unbemerkt blieb.

„Das ist doch wohl selbstverständlich, schlu-hu!“, gurrte Wanda.

„Es ist uns ein Bedürfnis, die Prinzessin wohlbehalten zurückzubringen.“, sagte Herr Buddler mit einer Verbeugung.

Herr Quackler nickte König Aquilon nur unsicher zu.

„Doch bevor Ihr aufbrecht, werdet Ihr natürlich noch ordentlich versorgt und auf die Reise vorbereitet. Ocris, bringt unsere zwei Gäste in die Gemächer des Westturmes und lasst ihnen ein ordentliches Mahl kommen.“

„Jawohl, Eure Majestät.“ Ein älterer, sehr schlanker Birde, der neben dem Thron gestanden hatte, machte einen Schritt nach vorn.

„Wanda, du begleitest sie am besten.“, sprach der König und wandte sich dann Herrn Quackler und Borro zu. „Dort könnt Ihr Euch vor der Reise erholen und Euch mit unseren Speisen stärken. Anschließend werdet Ihr mit Proviant versorgt und Euch wird das weitere Vorgehen erklärt.“

Herr Buddler bedankte sich mit einer Verbeugung.

„Ich danke Euch, liebe Freunde! Mich erwartet nun eine wichtige Zusammenkunft. Ich sehe Euch später.“, sagte König Aquilon mit einem Nicken und schritt davon.

„Auch ich werde mich nun vorbereiten. Wir sehen uns nach dem Essen.“ Und auch Eziel verschwand in die Richtung, in die sein Vater gegangen war.


Ocris meldete sich zu Wort und gebot ihnen, ihm zu folgen. Er war recht hager und sprach langsam und geschwollen. „Folgt mir bitte, ich geleite Euch nun in die Gemächer.“

So taten sie es und stapften gemütlich (eine andere Geschwindigkeit war bei diesem Ocris auch nicht möglich) hinter ihrem Vordermann her.

„Quackler, du sagst ja gar nichts.“, bemerkte Herr Buddler.

Herr Quackler Herz schlug noch immer recht aufgeregt. Zwar hatte er sich mit dem Verlauf der Dinge abgefunden (zumindest redete er sich das ein) und für sich entschieden, dieses Abenteuer zu bestehen, wirklich wohl war ihm dabei jedoch noch nicht. Er verzog sein Gesicht zu einem gezwungenen Grinsen, reckte die kleine Faust in die Luft und krächzte: „Lasst uns die Prinzessin retten!“

Herr Buddler und Wanda sahen ihn skeptisch an. Diesen miesen Versuch eines selbstbewussten Auftritts hätte er sich selbst auch nicht abgenommen. Aber wenigstens gab er sich Mühe, das mussten auch die anderen früher oder später erkennen.

Sie durchquerten den Thronsaal und verließen ihn durch einen Torbogen, welcher in einen breiten Gang mit hohen Fenstern führte. Von dort aus gingen sie durch eine überdachte Brücke in den Westteil des Schlosses. Über mehrere Gänge und Treppen gelangten sie schließlich zu den Gemächern des Westturmes. Ocris zeigte ihnen ihr Zimmer und verließ sie dann. Herr Quackler schaute sich um und entdeckte neben einem gigantischen Himmelbett auch noch zwei bequem erscheinende, gepolsterte Bänke, zwei Tische, einen Schrank und einen Spiegel. Durch die Fenster, durch die man einen fantastischen Blick auf den Königsplatz hatte, fiel nur wenig Licht der von Wolken verhangenen Sonne.

„Schau nur, Buddler! Man kann bis zum großen Tor am Ende der Stadt sehen!“, rief Herr Quackler seinem Freund zu.

„Nein, danke. Genieß du nur die Aussicht. Ich setze mich lieber auf die Bank hier und stelle mir vor, ich wäre in meiner gemütlichen Höhle, weit, weit weg vom Himmel!“

Irgendwie beruhigte es Herrn Quackler, dass er nicht der Einzige war, dem die Situation ein wenig Unbehagen bereitete.


Wenige Minuten später wurde ihnen auch schon das Essen gebracht: Gedünstete Borkenkäferlarven mit Mandelsoße, süßer Spitzwegerichsalat, Maronenpürree und gebackener Regenwurm auf Zitronenmelisse. Dazu gab es frisches Wasser mit Minze und Met. Wanda, Quackler und Buddler schlugen ordentlich zu, hatten sie aufgrund des Sturmes doch nicht richtig gefrühstückt. Dabei unterhielten sie sich, berieten das weitere Vorgehen und nachdem sie gespeist hatte, legten sie sich auf ihre dicken Bäuche und ruhten. Nach etwa einer Stunde kehrte Ocris zurück und geleitete sie in den unteren, östlichen Teil des Schlosses in die Waffenkammer. Dort trafen sie die drei Soldaten, die ihnen in sicherer Entfernung folgen sollten. Diese waren es auch, die sie mit Speeren aus der Waffenkammer ausrüsteten. Als Herr Quackler den Stab in seinen dünnen Fingern sah, musste er kurz lächeln. Aber der Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss stammte viel zu weit aus der Vergangenheit, als dass er in länger als ein paar flüchtige Sekunden festhalten wollte.


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