Der Raue Wanderer

Zwei Jahre waren vergangen, seit die Feuer gekommen waren und Adas und Nadas Welt unter kalter Asche begraben hatten. Die, die mit den Feuern gekommen waren, hatten Mutter geholt. Das letzte, das Ada von ihr gesehen hatte, war der angsterfüllte Blick gewesen, den sie ihm und seiner kleinen Schwester zugeworfen hatte. Sie hatte ihnen mit gebrochener Stimme zugerufen. Geschrien hatte sie und geweint hatte sie unter dem höhnischen Gelächter ihrer Peiniger. Vater hatte ihr zu Hilfe kommen wollen, doch in einem einzigen Wimpernschlag war sein Leben ausgelöscht worden, ausgeblasen wie eine Kerze. Sie selbst hatten weinend auf dem Boden gekauert und Großmutter hatte schützend ihre alten Arme um die beiden gelegt. Dann war einer der Männer, die mit dem Feuer kamen, auf sie zugekommen und ehe er sie erreichen konnte, hatte sich Großmutter zwischen sie geworfen. Geht! Geht fort von hier! Flieht! Hier lauert nur der Tod! Geht fort und seht nicht zurück! Flieht und lebt! Auch sie hatten sie getötet. Ada und seine Schwester hatten nur knapp entrinnen können. Ihr Haus brannte. Ihr ganzes Dorf brannte. Ihre Welt brannte. Wochenlang waren sie durch das Land gezogen, ernährten sich von Wurzeln und dem dreckigen Wasser der sterbenden Flüsse. Hilfesuchend hatte es sie von Dorf zu Dorf geführt, doch jedes hatte dasselbe Schicksal ereilt. Dann war die Kälte gekommen. Hart und schwer hatte sie sich über das Land gelegt und hatte den Menschen alles genommen, was sie besessen hatten. Die Felder waren erfroren, die Wiesen verdorrt und die Tiere verhungert. Hart wie der Winter waren auch die Menschen geworden. Vor Hunger und Neid erschlugen sie Bruder und Schwester. In ihrer Not erstickten sie die Säuglinge, um sie nicht dem Kältetod überlassen zu müssen und aus Angst um Verlust wiesen sie die, die Hilfe suchend zu ihnen kamen, in Unbarmherzigkeit und Hass ab. Auch Ada und Nada war lange Zeit keine Hilfe zuteilgeworden. Sie waren von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte gezogen, doch jeder hatte sie fortgeschickt oder unter Androhung des Todes fortgejagt. Manchmal waren sie diesem um eine Haaresbreite bloß entronnen: Der Mann, der ihnen die Tür geöffnet hatte, war dünn und blass gewesen. Sein Gesicht glich einem Totenschädel mit zerzaustem Haar und einem drahtigen Bart auf den eingefallenen Wangen. Leer und müde hatten seine Augen trüb in ihren tiefen Höhlen gelegen. Hinter ihm hatte seine Frau gesessen und wie in Trance einen kleinen Jungen, kaum älter als Ada, in ihren Armen gewiegt, dem sie mit schwacher, krächzender Stimme ein Lied sang. Der Kopf des Jungen war steif in seinen Nacken zurückgefallen und offenbarte sein verzerrtes, von schwarzen Frostbeulen überzogenes Gesicht. Er musste tot gewesen sein. Sie hatte ihm über die Wange gestreichelt. Mein kleiner Schatz, sieh nur! Jetzt müssen wir nicht mehr hungern. Weine nicht mehr. Der Blick des Vaters hatte sich plötzlich mit Wahnsinn gefüllt und er war mit einem rostigen Messer auf Nada und ihren Bruder zugestürmt. Er hatte Ada umklammert und ihn an der Schulter verletzt, doch dieser konnte sich losreißen und mit Nada fliehen. Der Mann jedoch hatte sich erneut aufgerappelt und war im Wahn hinter ihnen hergerannt. Irgendwie hatte es Ada geschafft, ihm das Messer zu entreißen. Nie zuvor hatte er einen Menschen getötet, schließlich war er noch ein Kind gewesen, und nie hätte er dies je gewollt. In seiner Not aber hatte er es getan. Die Tage waren kürzer geworden und die Nächte kälter. Irgendwann hatte sie die Kraft verlassen, weiterzuziehen, und so harrten sie tagelang aus, aneinandergeschmiegt auf dem frostgetränkten Waldboden. Als sie dort gesessen hatten, küsste Ada seine kleine Schwester auf die Stirn und atmete den Geruch ihrer Haut ein. Tränen füllten seine Augen, denn ein Gefühl seiner alten Heimat hatte ihn erfüllt. So verblieben sie bewegungslos, bis sie schließlich kraftlos eingeschlafen waren.

Dann waren Paku und Kavala gekommen. Sie hatten sie mit in ihre Hütte, mit in ihr Dorf genommen. Auch sie hatten kaum etwas zu Essen für sich, doch nahmen sie sie auf und gaben ihnen von dem wenigen, das sie hatten. Die anderen Menschen des Ortes hatten sie dafür verachtet.

Als die Tage immer kürzer geworden waren und das Fest der Sonnenwende stetig näher rückte, war die Hoffnung in die Dorfbewohner zurückgekehrt. Denn tatsächlich war der Winter zwar geblieben, doch wurden die Winde milder und es gab mehr zu essen. Und ein weiteres hatte den Menschen Mut gegeben: In jener Nacht, in der die Sonne ihre Wende hat und den Tagen neues Leben schenkt, geschah es seit alters her, dass das Dorf von wunderbaren Gaben gesegnet wurde. Auch, wenn die Nächte oft rau waren, hatten die Männer Glück bei der Jagd und die Bewohner fanden Körbe von Äpfeln, Nüssen und Brot auf ihren Türschwellen. Niemand wusste, woher diese Gaben kamen, doch erzählten einige, sie hätten in der Nacht der Sonnenwende einen alten Wanderer gesehen, der durch die Wälder nahe des Dorfes streift. Ruhpercht nannten sie ihn und ihm schrieben sie die Gaben zu. Aber noch anderes berichtete die Sage und den Kindern erzählten sie, der alte Ruhpercht sei ein Kinderfresser und hole sie zu sich, wenn sie nicht gehorchten. Und ebenso, so sagt man, sei es genau so schon geschehen.

Die Monate, in denen die Tage länger geworden waren, hatten an Leichtigkeit gewonnen. Zwar hielt der lange Winter an, doch die Kälte zeigte nicht ihre erbarmungslose Grausamkeit. Paku und Kavala hatten für die Geschwister sorgen können, denn Paku war Jäger und hatte ausreichend Wild in dieser Zeit erlegt. Dann aber hatte der Frost mit all seiner Macht zugeschlagen. Wie zuvor waren die Welt und die Menschen erneut hart geworden. Selbst Paku und Kavala erschienen ihnen nun kalt und müde. Doch noch immer wurden sie nicht verstoßen. Die Vorräte waren zur Neige gegangen und immer seltener erlegte Paku etwas, das größer war als eine Ratte oder ein Eichhörnchen. Mehr und mehr verschlang der Winter die Welt, bis kein Tier mehr durch die Wälder streifte, das gejagt werden konnte.

Zwei Jahre waren nun vergangen, seit die Feuer gekommen waren und ein Jahr seit den Gaben des Wanderers.

Ada lag in Felle gehüllt auf dem harten Holzboden der Hütte und blickte auf das Gesicht seiner schlafenden Schwester, in dem die Flamme der kleinen Kerze träge flackerte. Sie trug die Handschuhe, die Kavala für sie genäht hatte und hielt ihre kleinen Fäustchen vor ihren Mund. Trotz der Felle fror Ada und auch das Licht der Kerze spendete wenig Wärme. Ihm schien, als seien die Feuer dunkler und kälter geworden, seit der lange Winter gekommen war. Er musste an ihre Eltern denken und an den Augenblick ihres Todes. Ein heißer Schmerz durchzog seine Brust und er weinte, als er seine Schwester ansah. Dann wurde es dunkel um ihn und er schlief ein. Am nächsten Tag sprachen sie alle kaum ein Wort. Sie hatten sich in Felle gewickelt und saßen gemeinsam an dem kleinen Holztisch. Dabei schlürften sie einen geschmacklosen Sud aus Wurzeln und saurem Wasser und knabberten an hartem, verschimmelten Brot. Irgendwann erhob sich Paku und sagte kalt:

„Ich gehe jagen. Die Perchtennacht steht bevor und ich versuche mein Glück. Ich versuche, morgen vor Sonnenuntergang zurück zu sein.“

Paku sah seiner Frau ausdruckslos in die Augen. Sie blickte zurück und schluckte leise. Dann streichelte er Nada über die Wange und verließ die Hütte.

Die Nacht der Sonnenwende war eisiger als alle Nächte zuvor. Der Frost hinderte Ada daran, einzuschlafen und nur die Hoffnung auf die Gaben des Ruhperchts schaffte es schließlich, ihn in Träume zu wiegen.

Als Ada erwachte, war er allein im Zimmer. Nada musste schon aufgestanden sein, auch wenn sie ihn sonst stets geweckt hatte, wenn sie vor ihm erwacht war. Er rappelte sich auf und ging verschlafen in die Wohnstube. Dort saß Kavala allein am Tisch und starrte auf das Holz. Ihr Aschblondes Haar fiel zerzaust in ihr Gesicht.

„Wo ist Nada?“, fragte er die Frau.

Sie antwortete nicht. Er ging zu ihr.

„Wo ist Nada?“

Kavala drehte den Kopf zu Ada und sah ihn kalt an.

„Nada schläft noch.“

„Nein, Kavala“, sagte Ada, „Ich bin allein erwacht. Sie war nicht da. Ich dachte, sie wäre hier.“

„Wo ist Nada?“, fragte Kavala den Jungen.

„Ich weiß es nicht!“, entgegnete Ada aufgewühlt.

„Ich weiß es nicht.“, sagte Kavala abwesend.

Nada war fort. Ada suchte das ganze Dorf ab, doch nirgends war sie zu finden und niemand half ihr, denn die Menschen hatten ihre Hoffnung verloren. In dieser Nacht hatte der alte Wanderer keine Gaben gebracht. Kein Jäger hatte Wild geschossen und die Türschwellen waren leer und bloß von Eis überzogen. Niemand hatte Nada gesehen und niemand sprach mit ihm. Bloß zwei Kinder sagten ihm, der Ruhpercht habe sie wohl geholt. Ihre Eltern hatten ihnen erzählt, Ada und Nada seien schuld daran, dass das Dorf in diesem Jahr keine Gaben erhalten hatte. Der Waldgeist musste sehr zornig sein, deshalb habe er das Mädchen verschleppt.

Irgendwann begann auch Kavala, sie zu suchen, doch auch sie hatte keinen Erfolg. Schließlich nahm sie ihn in den Arm und tröstete ihn. Sie überredete Ada, in die Hütte zurückzukehren und zu warten, bis Paku von der Jagd heimkehrte. Etwa eine Stunde, nachdem die Sonne untergegangen war, schritt er durch die Tür.

„Der Raue Percht war mir hold!“, verkündete er. „Ich habe ein Wildschwein gefangen.“

„Ein Wunder! Ein Wunder!“, rief Kavala aus und fiel ihm in die Arme. „Ich bereite uns ein Festmahl zu!“

Ada fiel ihnen ins Wort: „Aber was ist mit Nada? Paku, sie ist verschwunden!“

Pakus Miene versteinerte sich. „Wir werden morgen nach deiner Schwester suchen.“ Mit diesen Worten ging er gemeinsam mit Kavala hinaus. Ada war verzweifelt und verwirrt. Er verstand die beiden nicht. Was war nur mit ihnen geschehen? Weshalb schien sie Nadas Verschwinden nicht zu kümmern?

Kavala bereitete aus dem Fleisch, das Paku gebracht hatte, einen Eintopf zu. Als die großzügigen Stückchen vor ihm in seiner Schale lagen, knurrte sein Magen. So aß er und langte gierig zu. Das Fleisch war sehr zart für ein Wildschwein und schmeckte vorzüglich. Als ihm der Duft in die Nase stieg, füllten Tränen seine Augen, denn ein Gefühl seiner alten Heimat erfüllte ihn. Er sorgte sich um Nada, auch sie musste essen. Er hatte Angst, dass, wo immer sie war, sie verhungern würde. Er musste sie suchen, doch würde er nun gehen, brächte die kalte Nacht ihm den Tod. Morgen.

Auch, wenn sein Magen nach langer Zeit wieder wohl gefüllt war, konnte er in dieser Nacht keinen Schlaf finden. Die Sorge und die Verzweiflung um das Verbleiben seiner kleinen Schwester raubte ihm jede Ruhe. Erst, als der Morgen kam, übermannte ihn die Erschöpfung.

Als Ada erwachte, musste es schon spät gewesen sein. Die Sonne stand tief und würde bald untergehen. In der Wohnstube saßen Paku und Kavala über Tellern voll frischen Eintopfes. Sie sahen ihn an und Paku stellte fest, wie lange er geschlafen hatte.

„Wir müssen Nada suchen, Paku!“

Beide sahen ihn mit ausdruckslosem Blick an. Dann sagte Paku: „Wenn du sie finden willst, musst du noch etwas essen.“

„Nein! Ich gehe jetzt! Ich muss sie finden!“

Er konnte die beiden nicht verstehen. Was war nur aus den lieben Menschen geworden, die sie damals so selbstlos aufgenommen hatten?

„Ich muss jetzt gehen! Ich muss meine Schwester finden! Ich muss Nada finden!“

Kavala sah ihn an: „Wer ist Nada?“

Dem Jungen drehte sich der Magen um. Er stürmte aus der Hütte und lief weinend auf den Waldrand zu.

„NADA!“, keuchte er verzweifelt. „Nada! Wo bist du?!“

Der Frost brannte an seinen nackten Füßen und der Wind, der nass und eisig durch die Lüfte rauschte, schnitt ihm wie gläserne Klingen durchs Gesicht. Aufgelöst rannte Ada durch das Dickicht des Waldes und rief unerlässlich nach Nada. Als sich die Sonne schließlich senkte, hatte er noch immer keine Spur von ihr entdeckt. Erschöpft und atemlos kämpfte er sich immer tiefer in den Wald hinein, auch, wenn ihn mittlerweile jede Kraft verlassen hatte. Über den Kronen der Bäume tobte ein erbarmungsloser Sturm, dessen Stärke selbst für die lange Kälte der letzten Jahre außergewöhnlich war. Die Bäume hatten es schwer, ihre Wurzeln im Grund zu halten. Überall krachte und knackte und heulte es. Äste brachen wie Strohhalme und flogen um Ada, als hätten sie die Absicht, ihn zu erschlagen. Seine Rufe nach Nada erstarben im Getöse des Unwetters. Um seine Augen vor Schnee und Hagel zu schützen, hielt er sich den Arm vor sein Gesicht. Hinter den schwankenden Stämmen der kämpfenden Bäume glaubte Ada eine Gestalt sich umherbewegen zu sehen.

„Nada?!“, rief er in den Sturm. Er konnte sich selbst kaum hören. Nein, das konnte nicht Nada sein, dafür war der Schatten zu groß gewesen.

„Ist da jemand?!“ Keine Antwort. Wahrscheinlich hatte er es sich nur eingebildet. Das Unwetter wurde stärker. Ada kämpfte sich durch den Wald und versuchte, einen Unterschlupf zu finden. Plötzlich tauchte im Schnee vor ihm ein riesiger dunkler Fleck auf. Vielleicht hatte ein Tier den Boden aufgewühlt, dachte der Junge. Nein, der Schnee war noch da. Er beugte sich nieder und befühlte die Stelle. Da bemerkte er, dass dieses dunkle Etwas an seine Hand abfärbte. Es fühlte sich klebrig an. Ada führte die Hand zum Gesicht, da stieg ihm der Geruch von Blut in die Nase. Wahrscheinlich wurde hier eines der wenigen wilden Tiere gerissen, die den Todeswinter überlebt hatten. Oder ein Jäger hatte in der Perchtennacht doch noch Glück gehabt. Vielleicht waren das hier sogar die Überreste des Wildschweins, das ihnen am vorherigen Tag den Magen gefüllt hatte. Von der Blutlache fort führte eine ebenso blutige Spur. Das Tier oder der Jäger musste seine Beute ein Stück weitergezogen haben. Mit zusammengekniffenen Augen folgte Ada der Spur durch den Sturm. Da lag etwas.

Plötzlich stellten sich dem Jungen alle Haare seines Körpers auf und ein saurer Geschmack füllte seinen Mund. Er übergab sich auf den Waldboden.

Nadas Handschuhe.

Blutverschmiert.

Ada wurde schwarz vor Augen. Er sank auf den Boden und drückte sich die Handschuhe seiner Schwester ins Gesicht.

„NADA!!“

Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte er, wie etwas durchs Gebüsch huschte. Panik ergriff ihn. Er stand auf und schwankte benommen. Weg. Einfach weg. Er stolperte und hielt sich an einem Baumstamm fest. Dann sah er wieder die Gestalt im Geäst, groß und bedrohlich und gleich wieder verschwunden. Ada hatte Angst. Der Ruhpercht hat sie geholt. Nada. Der Kinderfresser hat sie geholt. Und jetzt holt er auch mich. Panisch rannte er, ungewiss wohin. Er hatte vollständig die Orientierung verloren. Der Wald war nur noch ein grau tosender Wirbel aus Lärm, Zerstörung und Kälte. Plötzlich ragte aus der Dunkelheit ein Felsen vor ihm auf. Kraftlos fiel Ada auf die Knie und kauerte sich an den schroffen Stein. Ada zitterte. Er spürte die Müdigkeit und wie jede Kraft ihn zu verlassen schien.

Er blickte in das wirbelnde Grau vor ihm. Im Nebel tauchte ein Schatten auf, der auf ihn zuzukommen schien. Größer und größer wurde er, breiter und breiter, bis er bedrohlich nah war. Ada war gelähmt vor Furcht. Dann sah er den Schrecken vor sich. Die Gestalt war größer als jeder Mensch, den er je gesehen hatte. Sie schien ein alter Mann zu sein und hatte doch etwas an sich, das den Jungen an dessen Menschlichkeit zweifeln ließ. Der Ruhpercht. Der raue Wanderer. Der Kinderfresser. Er trug einen dicken Mantel aus Fellen und einen Hut mit breiter Krempe unter dem ein grimmiges Gesicht hervorschaute. Unter wilden Augenbrauen blitzte Ada ein funkelndes Auge an. Das andere war trüb und blind. Ein dichter grauer Bart reichte ihm beinahe bis zum Nabel. Der Percht streckte seine riesige Hand nach dem Jungen aus. Jetzt war es vorbei. Jetzt musste er sterben.

Der Waldgeist beugte sich über Ada und hob ihn sanft nach oben. Dann stapfte er, den Jungen sicher in Armen haltend, durch den Sturm, als sei er ein warmer Sommerwind. Der alte Mann legte eine Hand auf Adas Stirn und sprach mit einer tiefen, warmen Stimme, die durch die ganze Welt zu hallen schien:

„Fürchte dich nicht, kleiner Ada.“

„Wer bist du?“, fragte der Junge müde, „Bist du Ruhpercht, der Waldgeist?“

Mit einem Lächeln antwortete der Fremde:

„Man kennt mich unter vielen Namen, mein Kind. Ruhpercht. Alter Wanderer. Gabenbringer. Morgenrufer. Wilder Jäger. Aber all die Namen, die mir die Menschen geben, werden mir nicht gerecht.“

„Wie ist dein Name?“, fragte Ada.

„Einen Namen kann ich dir nicht nennen. Wenn du willst, wähle dir einen. Wisse bloß: Ich bin für dich da.“

„Hast du Nada getötet?“

„Nein. Doch ich bringe dich zu dir, wenn der Morgen kommt und die Kälte fort ist.“

Ada schloss die Augen und flüsterte: „Der Winter wird niemals gehen.“

Da lächelte der Raue Percht und blieb stehen. Er stellte Ada neben sich zurück auf dessen Füße und der Junge merkte, wie eine neue Kraft seinen Körper erfüllte. Dann sprach er:

„Der Winter ist vorüber!“

Und als der Wanderer diese Worte sprach, erstarben Sturm und Kälte in ohrenbetäubendem Tosen. Der Boden bebte und die Erde riss auf. Vor den beiden tat sich ein Abgrund auf und die ganze Welt lag vor ihnen. Die Sonne, rot und groß, und der Mond standen nebeneinander am Himmel. Ada konnte die ganze Welt überblicken, das Dorf, er sah Paku und Kavala, all die Wälder und Orte, durch die er und Nada geflohen waren, selbst ihre Heimat und das Haus ihrer Kindheit. Und noch weiter sah er: fremde Täler und Gebirge und Inseln hinter fremden Meeren unter fremden Sternen. Die Erde bebte, die Bäume wurden entwurzelt und Berge verwehten wie Staub. Und die Sterne waren es, die nun heller leuchteten als je zuvor, sie gaben ihr letztes Licht dahin und fielen brennend auf die Erde. Aus den Flammen stieg eine große Bestie auf und verschlang die Sonne und den Mond. Die Meere traten über die Ufer und verschluckten die Täler. Der große Weltenbrand breitete sich aus zu jedem Horizont und verschlang die Welt in Gänze, Land und Luft und See, begleitet von den Schreien all jener, die darin brannten.

Adas Herz wurde schwer und er weinte.

„Warum geschieht das?“

Der alte Mann legte die Hand auf die Schulter des Jungen.

„Weil es geschehen soll und weil es geschehen muss. Der lange Winter war ein Vorbote dessen, was nun passiert. Er hat all das eingeläutet, doch nun ist er vorüber. Lange habe ich all das herbeigesehnt. Sieh her.“

Und der große Geist zeigte ihm die blutigen Male an seinen Handgelenken und das Blut, das aus seiner Seite tropfte.

„Neun Tage und Nächte hing ich da, am Stamm, der Himmel und Erde verbindet, verwundet vom Speer und dem Urgrund meiner selbst geweiht. So starb ich und kehrte wieder und brachte ein Lied in die Welt, so dass all das hier erst geschehen konnte. Weine nicht, denn es ist gut.“

Der Himmel war schwarz und nur noch der Weltenbrand umhüllte in rotem Licht den Jungen. Doch als auch dieser verloschen war, umgab Ada bloß noch Dunkelheit und die Stimme des Wanderers:

„Fürchte dich nicht! Freue dich, denn der Morgen kommt!“

Da erstrahlte in der Ferne ein gleißendes Licht und erfüllte den ganzen Horizont. Vor Ada tat sich ein Anblick auf, der an Schönheit nicht zu übertreffen war. Da war ein warmes Meer zu seinen Füßen und über ihm funkelten junge, schöne Sterne. Und dort, am Horizont, stieg eine größere goldene Sonne empor, gefolgt vom silbernen Mond. Der Junge sah auf das Meer und in dessen Mitte erblickte er ein fernes, grünes Land, von dem eine Brücke zu ihm herüberreichte, die in allen Farben schimmerte.

Und da, auf der Brücke, sah er sie: Nada und Mutter und Vater. Langsam kamen sie auf ihn zu und als Ada vor seiner Familie stand, schlossen sie ihn in die Arme. Lächelnd reichten sie ihm die Hand und gemeinsam führten sie ihn heimwärts.


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