Der Leu und die Schlange

Einst trug es sich zu, dass sich ein gliederloses Tier, gar lang von Gestalt, zum Fressen zum Leichnam eines Rindes begab, welches soeben von einem Löwen erlegt worden war. Als sich das Geschöpf am warmen Fleisch erfreuen wollte, erhob sich der mächtige Leu und sprach mit donnernder Stimme:

„Wie kannst du dir anmaßen; du niedere Schlange, du Gewürm, das unheilvoll schleichend den Boden beschleimt, von meiner Beute zu kosten, die nur mir, dem großen König aller, zusteht?!“

Und so jagte er die Kreatur mit einem Streich seiner kräftigen Tatze davon. Das wehrlose Geschöpf verschwand mit nichts als einer zischenden Drohung im Unterholz und musste sich mit den Ratten begnügen.

Lange Zeit später erlegte der Löwe ein weiteres Rind, als plötzlich am Himmel mit tosend donnerndem Flügelschlag ein fürchterlicher Drache erschien und sprach, sodass die Luft erbebte:

„Wie kannst du dir anmaßen, du schäbige Katze, die mich einst als Jüngling verjagt‘, mir meine Beute zu nehmen, die des wahren Königs?!“

So sprach er und nahm den angsterfüllten Leu zum Mahle.

Verachte die Schlange nicht, nur, weil sie keine Flügel hat. Denn man kann nie wissen, ob sie dereinst nicht zum Drachen wird.

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