Trommeln in der Nacht

„Scheiße, sie kommt! Schnell in die Zimmer!“, hallte es vom hinteren Ende des orange beleuchteten Gangs, an dessen Wänden zahlreiche abstrakte Bilder unbekannter Künstler hingen. Der Boden war mit hässlichem grauen Linoleum belegt, wie man es vielleicht aus Krankenhäusern kennt. Doch dies hier war kein Krankenhaus, es war ein Rehabilitationszentrum für Asthmatiker und Adipositaskranke: eine Kur.

Auf dem Flur herrschte nun ein hektisches Getummel und Durcheinander: Die Nachtschwester war auf dem Weg in den zweiten Stock der Jugendstation, da sie auf einem der Überwachungsbildschirme in der Zentrale mitbekommen hatte, dass sich die Jugendlichen nachts um 23.00 Uhr (eine Stunde nach der regulären Bettruhe) auf die Flure schlichen, um sich zu unterhalten.

Unter ihnen war auch Flo, der sich zusammen mit seinem Zimmernachbarn Tom hastig in sein Zimmer rettete, die Tür verschloss und sich blitzschnell unter seiner Bettdecke verkroch, um einen seligen Schlaf vorzutäuschen. Angespannt warteten die beiden darauf, dass sich das Schloss mit einem Klack öffnete und die Schwester hereintrat, um sie zu belehren. Als sich nach einigen Minuten noch immer nichts gerührt hatte, flüsterte Flo Tom zu:

„Das war knapp. Sonst kommt die Alte doch immer zu uns rein. Da haben wir ja nochmal Glück gehabt. Scheinbar hat sie uns nicht gesehen.“

„Ja, scheinbar.“, entgegnete Tom.

Nach einer Weile fügte Flo hinzu:

„Wollen wir dann nochmal raus? Ich glaub`, sie ist weg. Ich kann die anderen schon wieder hören.“ Tom gähnte.

„Ne, lass mal. Ich werd` auch langsam müde und penn` jetzt.“

„Alles klar. Gute Nacht.“, sagte Flo und versuchte nun auch, einzuschlafen. Zuvor griff er noch nach seinem Handy, das auf seinem Nachttisch lag und betrachtete das hell erleuchtete Display: Es war 23.11 Uhr und seine Akkuanzeige zeigte noch drei Balken (von ursprünglichen sieben). Morgen würde er es wohl aufladen müssen. Neue Nachrichten hatte er keine, dafür jedoch einen entgangenen Anruf von seiner Freundin. Auch dies wollte er am nächsten Tag erledigen.

Auch Flo gähnte nun und legte sein Mobiltelefon zurück auf den Nachttisch. Dann drehte er sich auf den Rücken und starrte dorthin, wo er in der Dunkelheit die Decke vermutete. Irgendwann schloss er die Augen und glitt hinein in die traumreiche Welt des Schlafes.


Flos Herz raste wie wild, als er mitten in der Nacht aufschreckte. Irgendetwas hatte ihm eine Gänsehaut bereitet. Aufgeregt drehte er seinen Kopf hin und her und blickte in das dunkle Zimmer. Es war völlig still. Er konnte nur seinen Atem und den von Tom hören, der seelenruhig schlief. Plötzlich blitzte der Gedanke wieder auf, den er kurz zuvor verworfen, wenn nicht sogar verbannt hatte. Denn dort in der Dunkelheit war es wieder:

Dieses seltsame Geräusch, dieser Ton, der Tom und ihm schon in den vergangenen Nächten ein Schaudern bereitet hatte. Es war ein tiefer voller Gesang, nicht direkt hörbar, sondern ganz leise und unterschwellig lag er in der Luft.

Flos Herz schlug schneller und sein Atem wurde hektischer. Was war das nur? Woher kam dieser seltsame Gesang?

Vorsichtig drückte sich Flo vom Bett ab, das leise knarrte. Er erhob sich und ging in das kleine Badezimmer, um seinem Geschäft nachzugehen. Auf der Toilette stützte er sich auf seine Knie und dachte nach, während er die Silberfische beobachtete, die sich in einer Ecke des gefliesten Raumes tummelten. Dann fasste er einen Entschluss:

Er würde der Sache nachgehen und herausfinden, wer für dieses schauerliche Geräusch verantwortlich war.

Vielleicht war es ja nur die Nachtschwester, die einen Hang zu Kirchen- oder Mönchsmusik hatte und sich mit einer CD die Zeit vertrieb?

Nach einer Weile richtete Flo sich auf, betätigte die Spülung und ging zurück zu seinem Bett. Davor fand er die Kleidung, die er sich am Vorabend zurecht gelegt hatte und zog sie über seinen Schlafanzug. Schließlich zog er noch seine Schuhe und eine Jacke an und schlich sich zur Tür.

„Was machst du da …?“, flüsterte Tom völlig schlaftrunken und strich sich mit der Hand über das Gesicht.

„Schlaf weiter, ich will nur was gucken.“, antwortete Flo.

„Hm …“, sagte Tom und schlief weiter.

Flo drehte den Verschluss der Tür, um sie aufzuschließen und trat auf den Flur. Er war (wie immer) noch hell erleuchtet. Jedoch war niemand mehr auf dem Gang. Schnell lief er zur Tür des Treppenhauses, um nicht von der Kamera erfasst zu werden, öffnete sie und ging die Treppe hinunter. Unten war er ganz leise. Auch im Erdgeschoss gab es einen Flur. Zwei Gruppenräume, die Praxis des Stationsarztes, eine kleine Küche, zahlreiche Büros und auch die Zentrale der Schwestern lagen auf dieser Etage. Flo lauschte. Das Geräusch war im Treppenhaus und auf diesem Flur nicht mehr zu hören. Die schauerlichen Töne mussten also von draußen gekommen sein, denn in seinem Zimmer war das Fenster angekippt gewesen. Da Flo sehr neugierig und aufgeregt war, entschied er, nach draußen zu gehen. Vorsichtig schlich er sich zu einer Glastür, die in den Garten der Kur führte. Da sie sich nur von innen öffnen ließ, griff er sich den Schlüssel, der im Schloss steckte und trat hinaus in die Dunkelheit.

Draußen war es frisch und die Luft war feucht und sauber. Am Abend hatte es geregnet, deshalb war der Rasen nass und rutschig. Flo lief um das Gebäude und lauschte. Der Gesang war wieder zu hören und schien aus dem anliegenden Wald zu kommen. Er lief auf einen gepflasterten Weg zu, der vom Grundstück der Reha-Klinik führte. Diesem folgte er einige Meter und verließ ihn dann, um über eine Wiese Richtung Wald zu gehen. Der Gesang wurde etwas lauter und dazu mischte sich nun ein Geräusch vom stetigen Klang dumpfer Trommeln. Bumm bumm machten sie, tief und unheimlich.

Als Flo in den Wald trat, schauderte er. Es war stockfinster und gerade wohl fühlte er sich nicht. Das einzige Licht kam von den Strahlen des Mondes, die einen Weg durch die Wolken und das dichte Blätterdach der Bäume gefunden hatten. Unter seinen Füßen raschelte und knackte der Waldboden. Nach einiger Zeit schaute er erschrocken auf:

In der Ferne sah er zwischen den Bäumen ein rötliches Flimmern. Flos Herz klopfte. Kam der Gesang von diesem Leuchten? Und was war das überhaupt für ein Licht? Aufgeregt ging er darauf zu, folgte dem Gesang, der immer deutlicher wurde. Plötzlich erblickte er etwas zwischen den Bäumen:

Dort standen Mauern, Mauern einer alten Ruine. Und nun wusste Flo auch, woher das eigenartige Flimmern kam: Es kam aus einer Öffnung im Boden, durch die eine Treppe ins Erdreich führte, ähnlich dem Eingang zu einem unterirdischen Mausoleum. Laut und unmittelbar hörbar schallten der Gesang und die Trommeln aus der Tiefe.

Flo bekam es mit der Angst zu tun. Wer sang nachts in einem alten Verlies im Wald nur solch schauerliche Musik? Sollte er nachsehen? Oder sollte er jemandem Bescheid sagen? Nein, dann wüssten sie, dass er sich nachts hinaus geschlichen hatte. Doch um einfach wieder in seinem Bett zu verschwinden, war er viel zu neugierig. Als fasste Flo all seinen Mut zusammen und schritt in den Gang hinein, in den die Treppe ihn führte. Flo folgte den Gesängen durch die mit Fackeln erleuchteten Gänge, bis er zu einer großen Holztür gelangte, welche einen Spalt geöffnet war, sodass etwas Licht durch ihn hindurch drang. Der Gesang musste aus dem Raum hinter der Tür kommen, denn nun war er deutlich zu hören. Flo verstand die Worte nicht, doch er wusste, dass es Latein war.

Sanguinem bibimus. Corpus edimus. Tolle corpus satani!“, schallte es durch die Luft.

Flo blickte durch den Spalt. Als er sah, was sich dahinter befand, erschrak er. Sein Herz raste wie wild im Rhythmus der Trommeln.

Hinter der Holztür befand sich ein runder, von Fackeln hell erleuchteter Raum.

In der Mitte war ein steinerner Altar, auf dem, in eine schwarze Decke eingewickelt, ein Ziegenbock lag. Um den Altar herum standen etwa ein Dutzend Menschen, gekleidet mit roten Kutten und ihre Gesichter bedeckt mit grässlichen, gehörnten Masken.

Hinter dem steinernen Tisch stand eine weitere Person, ihre Arme waren erhoben und in ihren Händen hielt sie einen reich verzierten Dolch.

Der Gesang der Mönche – oder was immer sie waren – schwoll weiter an und wurde schneller. Dann verstummten sie. Die Stimme des Mannes, der hinter dem Altar stand, erhob sich über die Menge:

Nunc bibe sanguinem et ede carnem et tolle corpus satani!

Dann stieß er den Dolch in den Körper des Bockes.

Flo konnte den Anblick nicht ertragen und musste wegsehen. Panik erfasste ihn. Wer waren diese grausamen Menschen und was würden sie tun, wenn sie ihn entdeckten? Voller Angst lief er aus dem Verlies, rannte durch den Wald, zurück, bloß weg von diesem Ort. Alle paar Sekunden drehte er sich panisch um, um sicherzugehen, dass ihn niemand verfolgte. Er rannte auf das Grundstück der Kur und auf die Glastür zu. Hektisch steckte er den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Dann rannte er auf die Zentrale der Schwestern zu.

„Hilfe! Schwester! Draußen im Wald ...“

Flo verstummte. Die Nachtschwester saß auf dem Schoß eines Mannes, der sie leidenschaftlich küsste. Als sie ihn bemerkten, ließen sie erschrocken voneinander ab. Der Mann räusperte such.

„Ähm … Vielen Dank, Schwester Lessin, dass sie mich informiert haben, dass ich mein … Portemonnaie hier vergessen habe …“

Es war Herr Baumann, der Leiter der Rehabilitationsklinik. Es schien ihm sichtlich peinlich zu sein.

„Sie verstehen nicht! Im Wald sind seltsame Leute, ich glaube Mönche, und sie schlachten Tiere ab, in einem der alten Verliese …“

Die Schwester sah sehr verärgert aus.

„Wer bist du und was fällt dir ein, dich nachts in den Wald zu schleichen?!“, fauchte sie Flo an, der aufgeregt antwortete:

„Sie müssen die Polizei rufen! Ich habe sie gesehen mit ihren roten Kutten, wie sie einen Ziegenbock töteten!“

Nun meldete sich Herr Baumann zu Wort:

„Beruhige dich erst einmal, Junge. Sag uns erst einmal, wer du bist und erzähle uns dann, wie es passieren konnte, dass du in den Wald gegangen bist und was dort geschehen ist.“

Flo erkannte, dass es im Moment nichts brachte, so stürmisch zu sein und sprach, wobei er versuchte, möglichst beruhigt und sachlich zu klingen:

„Mein Name ist Flo Hoffmann und ich wohne hier im Zimmer 501. Seit einigen Nächten ist nachts immer dieses Geräusch zu hören, eine Art Gesang. Heute Nacht habe ich es wieder gehört. Ich wollte wissen, wo es herkommt und habe mich hinaus geschlichen, um dem Gesang zu folgen. Im Wald fand ich eine Art Verlies, aus dem Licht hervorkam. Ich ging hinein und fand einen Raum, in dem von mehreren Menschen, die alle in Kutten gekleidet waren, eine Art Opferritual durchgeführt wurde. In der Mitte des Raumes stand ein Altar, auf dem sie einen Ziegenbock erstachen …“

„Geh sofort zurück ins Bett und lass uns mit deinen ausgedachten Schauergeschichten in Ruhe!“, keifte die Schwester.

„Nein.“, unterbrach sie Herr Baumann, „Ich denke, er hat wirklich etwas gesehen.“

In diesem Moment blinke ein orangefarbenes Lämpchen am Schreibtisch der Schwester.

„Ich muss auf Station 2, entschuldigen sie mich.“, sagte sie.

„Ja, gehen sie nur.“, sprach Herr Baumann, „Ich kümmere mich darum.“

Nachdem die Schwester verschwunden war, richtete er sich an Flo:

„Ich werde jetzt einen Anruf tätigen und dann zeigst du mir, was du gesehen hast.“

„Aber …“

„Keine Sorge. Falls das, was du sagst, wahr ist, rufen wir die Polizei.“, sagte Herr Baumann und lächelte Flo an. Daraufhin verschwand er in einem der Büros. Flo wartete auf dem Drehstuhl der Schwester auf seine Rückkehr.

Als der Reha-Leiter mit telefonieren geendet hatte, führte ihn Flo nach draußen.

„Und du bist ganz sicher, dass es im Wald war?“

„Ja, bei den Ruinen.“, antwortete Flo.

Er führte Herrn Baumann über die Wiese, hinein in den Wald und zu den Ruinen. Der Gesang war nicht mehr zu hören, doch Flo wusste noch, aus welchem der Verliese er gekommen war.

„Sagtest du nicht, da wäre Licht raus gekommen?“, fragte Herr Baumann.

„Ja, aber sie scheinen schon weg zu sein … zum Glück. Kommen sie mit, ich zeige ihnen den Raum.“

Flo stieg die Treppe hinab und der Kurleiter folgte ihm. Unten angekommen sagte er:

„So, jetzt müssen wir …“

Plötzlich griffen vier Hände nach ihm und hielten ihn in der Finsternis fest. Flo wollte schreien, doch einer der beiden presste seine Hand auf den Mund des Jungen. Dann spürte er einen entsetzlichen Schmerz auf seinem Hinterkopf und ihm wurde schwarz vor Augen.


Flos Kopf hämmerte. Bumm bumm. Der Schmerz war unerträglich. Bumm bumm. Blitze zuckten vor seinem inneren Auge. Bumm bumm. Es war, als schlugen tausend Nägel in seinen Schädel. Bumm bumm. Langsam öffnete er die Lider. Bumm bumm. Ein orangenes Flackern kam durch sie hindurch. Bumm bumm. Es war nicht sein Kopf, der hämmerte. Es waren Trommeln!

BUMM BUMM!

Flo riss die Augen auf, denn plötzlich war er hellwach. Er befand sich wieder in dem runden Raum. Doch diesmal war er es, der geknebelt und gefesselt auf dem steinernen Altar lag, nackt, lediglich gehüllt in ein schwarzes Tuch. Verzweifelt wollte er schreien und nach Hilfe rufen, doch es gelang ihm nicht.

Um ihn herum hatte wieder der Gesang begonnen und Flos Herz raste in Panik, als einer der Mönche über ihn trat.

Der Gesang verstummte, als dieser den reich verzierten Dolch erhob und mit der Stimme von Herrn Baumann sprach:

„Nun endlich … Empfange ein wahres Opfer!“

Und in diesem Moment ließ er den Dolch niederfahren und bohrte ihn in Flos Brust.

Ein stechender Schmerz durchfuhr den Jungen. Dann wurde es dunkel um ihn.


Niemand erfuhr, was sich in dieser Nacht ereignet hatte und vom Tod des Jungen zeugte nur ein Zeitungsartikel, der zwei Tage später erschien:



13- jähriger begeht

Selbstmord in Reha-Klinik

https://i.ytimg.com/vi/0zYXCwNHlfA/maxresdefault.jpg

#Prosa

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